Samstag, 10. Dezember 2016

Rio Blanco: Ein Dorf stellt sich quer gegen grünen Kolonialismus.


Nach längerem Geschaukel durch eine atemberaubende Gebirgslandschaft erreicht unser Delegations-"Busito" das Örtchen Rio Blanco, das wegen seines Widerstands gegen das Staudammprojekt Agua Zarca über die Grenzen von Honduras hinaus bekannt geworden ist. Seit dem Jahr 2013 verteidigen die hier ansässigen Lenca-Indigenen ihr Gemeinde-Territorium gegen die Betreiberfirma Desarrollo Energéticos S.A. (DESA), wobei sie von der Organisation COPINH unterstützt werden.


Versammlung mit den Bewohner*innen von Rio Blanco
Die Gemeinde erwartet uns auf dem Platz „El Roble“, wo ihr Kampf gegen den Staudamm im Jahr 2013 mit einer Blockade der Baustellenzufahrt für den Staudamm begonnen hatte. Herzlich werden wir mit einem Sack voll Orangen empfangen. Einzelne Bewohner*innen des Dorfes halten kleine Ansprachen, die die Standhaftigkeit und Opferbereitschaft in ihrem Kampf spiegeln. Rosalina Domínguez berichet von ihrer Reise nach Holland und Finnland, wo sie mit Vertretern der staatlichen Entwicklungsbanken FMO und Finnfund gesprochen hat, die einen großen Teil des für das Wasserkraftwerk benötigten Kapitals beisteuern. Maria Santos Domínguez berichtet von einem Hinterhalt, in dem sie, ihr Mann und ihr Sohn von Männern mit Macheten überfallen und schwer verletzt wurden. Als wir uns mit einer kleinen Gruppe auf den Weg zum umkämpften Fluss Gualcarque bewegen, passieren wir einen kleinen Friedhof. Paula González und Tomás García liegen hier, erfahren wir von Marlon, der beim örtlichen Radiosender aktiv ist. Vier Bewohner*innen der Gemeinde sind bereits in dem Konflikt getötet worden.


Das Grab von Paula González, einem der Opfer in dem Konflikt um das Wasserkraftwerk Agua Zarca

Mit dem fünften Todesfall, dem Mord an der Generalkoordinatorin von COPINH, Berta Cáceres, wurde der Konflikt um das Wasserkraftwerk zu einem internationalen Politikum. Berta war wohl die bekannteste honduranische Menschenrechtsverteidigerin und stand für einen antirassistischen, antiimperialen und feministischen Ansatz bei der Verteidigung der Rechte der indigenen Bevölkerung. Die Auseinandersetzung um das Kraftwerk zählt zu den zentralen Anliegen von COPINH. Nach der ILO-Konvention 169 über indigene Rechte hätte vor dem Baubeginn eine freie und informierte Befragung der Anwohner*innen stattfinden müssen. "Davon könne aber in Rio Blanco keine Rede sein", so die Bewohner*innen.
Weiter unten am Fluss können wir uns ein Bild von der Lage machen, die hier neun Monate nach dem Mord herrscht. Auf unserer Seite des Flusses wird die Baustellenzufahrt langsam von der Natur zurück erobert, die Bautätigkeiten sind hier längst eingestellt: Ein erster Erfolg der Bewohner*innen von Rio Blanco bestand darin, dass die honduranische Betreiberfirma DESA ihre Planungen dahingehend änderte, den Bau nun auf der anderen Seite des Flusses zu betreiben, wo die mestizische Bevölkerung das Projekt größenteils befürwortet. Es handelt sich auch nicht mehr um einen Stausee mit Staumauer, sondern um einen langen Kanal, der schließlich in ein Rohr mit starkem Gefälle mündet, welches Turbinen antreiben soll. Die Lieferung der Turbinen war dem deutschen Konsortium Siemens//Voith-Hydro übertragen worden.

Die Baustelle für den Zuführungskanal zur Turbine steht seit Mai 2016 still
So jedenfalls sahen es die letzten Planungen vor. Nachdem der internationale Druck nach dem Mord an Berta stark zugenommen hatte, liegt die Baustelle nun brach. Helle Flecken unterbrechen das üppige Grün an den Hängen. Die niederländische FMO signalisiert, aus der Finanzierung des Projekts aussteigen zu wollen. Die Gemeindebewohner*innen berichten, dass die Gewalt und die Drangsalierungen seitens der Polizei und des Sicherheitsdienstes der DESA abgenommen hätten. Nach wie vor sind sie entschlossen, das Projekt in jeder Form zu verhindern. „Selbst wenn sie den Kanal auf der anderen Seite des Flusses bauen, wird unser Territorium betroffen sein, weil dem Gualquarque ein großer Teil seines Wassers genommen wird“, sagt Don Felipe. Die Bescheidenheit und Freundlichkeit, mit der die Leute ihren Willen bekunden, beeindruckt uns. Wenn DESA das Kraftwerk doch noch durchsetzen will, wird dies weitere Menschenleben kosten. Die Firmen Siemens und Voith haben angekündigt, nach der Aufklärung des Mordes an Cáceres die Zusammenarbeit mit DESA wieder aufnehmen zu wollen.