Verurteilter Ex-Präsident als Vermittler für US-Interessen. Auch Israel erwähnt. Plan gegen Mexiko und Kolumbien
Thema der Audios sind auch die Ausbreitung der Privatstädte (Zedes), der Aufbau einer Militärbasis und die Verabschiedung eines Gesetzes im Sinne der Interessen von KI-Konzernen. All das in Absprache mit dem US-Präsidenten und mit Unterstützung des israelischen Premierministers Benjamín Netanyahu. Auch die Regierung von Argentiniens Präsident Javier Milei sowie rechtskonservative Kreise in Mexiko werden in den Tonaufnahmen erwähnt.
Neben Hernández sind in den Audios unter anderem auch der aktuelle Präsident von Honduras, Nasry Asfura, die Vizepräsidentin María Antonieta Mejía und mehrere Mitglieder des Kongresses zu hören. Sie alle handeln laut den Aufnahmen auf Anweisung von Hernández, der laut den Aufnahmen die Kontrolle über die Staatsmacht zurückerlangen will.
Authentizität der Audios
Laut Hondurasgate wurden die 37 Aufnahmen aus Chats in WhatsApp, Signal und Telegram vor ihrer Veröffentlichung einer strengen forensischen Authentifizierung mit dem Programm Phonexia Voice Inspector unterzogen. Dabei wurde jede Datei mit einer Wahrscheinlichkeit der KI-Synthese von unter zehn Prozent und mit über 80 Prozent als authentische menschliche Sprache eingestuft. Das vollständige technische Dossier und die Originaldateien wurden öffentlich zugänglich gemacht, so dass jede Datei heruntergeladen und unabhängig verifiziert werden kann.
Weitere forensische Analysen zur hundertprozentigen Echtheit der Gesprächsaufzeichnungen stehen noch aus, weshalb diese in unterschiedlichen Kreisen angezweifelt werden. Wegen des brisanten Inhalts und des Profils der beteiligten Personen stellt sich auch die Frage, wer hinter dem Leak steckt und über die dafür notwendigen technischen und logistischen Kapazitäten verfügt.
Die Vorgänge der letzten Monate in Honduras stimmen allerdings mit den Tonaufnahmen überein. Unter diesem Blickpunkt erscheinen die geleakten Informationen wie eine Anleitung und Wegbeschreibung, die die Ereignisse in Honduras und Lateinamerika verbindet und eine koordinierte Operation der Reaktionären Internationale nachvollziehbar macht.
Die Begnadigung von Hernández durch Trump und die mutmaßliche Rolle von Israel
Ausgangspunkt der Vorgeschichte ist der November 2025. Nur wenige Tage vor den Präsidentschaftswahlen in Honduras verkündete Trump die Begnadigung von Hernández. Dieser war 2024 in den USA wegen Kokainschmuggels und der Annahme von Geldern von Joaquín "El Chapo" Guzmán zur Finanzierung von Wahlbetrug zu 45 Jahren Haft verurteilt worden. Die US-Staatsanwaltschaft warf Hernández vor, Honduras als "Drogenstaat" geführt und so die Einfuhr von mehr als 500 Tonnen Kokain in die USA ermöglicht zu haben. Mit der Begnadigung zeigte die Regierung Trump, dass sie ohne Skrupel mit verurteilten Drogenbossen kooperiert, sobald dies ihren Interessen entspricht.
In einer Sprachnachricht vom 14. März hört man Hernández, der sagt, dass seine Begnadigung von einer "Gruppe von Rabbinern und Personen, die Israel unterstützten", bezahlt worden sei. In einer weiteren Nachricht am 20. Januar versichert er, die Unterstützung des israelischen Ministerpräsidenten auch für die Zukunft zu haben: "Der israelische Premierminister wird uns unterstützen. Wir sind ihm sehr dankbar, sie hatten viel damit zu tun. Eigentlich hatten sie sogar vollständig mit meiner Freilassung und den Verhandlungen zu tun." Neben den Fragen nach der Beteiligung und den Interessen Israels stellt die Aufnahme die Begnadigung Hernández als einen Akt der Korruption dar.
Das investigative journalistische Portal Reactionary International schreibt: "Ein Mann, der wegen der Einfuhr von tonnenweise Kokain in die Vereinigten Staaten verurteilt worden war, kam nicht etwa wegen einer Neubewertung des Urteils frei, sondern weil eine ausländische Regierung seine Freilassung bezahlte. Die Begnadigung – eines der mächtigsten Instrumente der Exekutive im amerikanischen Verfassungssystem – war laut diesen Aufnahmen eine reine Transaktion."
Auch die Tatsache, dass der erste offizielle Besuch von Nasry Asfura im Januar, noch bevor er sein Amt als Präsident antrat, Israel galt, sei laut Reactionary International bezeichnend für die Rolle, die dieser Staat in Honduras spiele. Er traf sich dort mit Israels Präsident Isaac Herzog, Premierminister Benjamin Netanyahu und Außenminister Gideon Sa'ar. Anschließend reiste Asfura nach Washington, wo er mit US-Außenminister Marco Rubio, US-Handelsminister Howard Lutnick und anderen hochrangigen Vertretern der Trump-Regierung zusammentraf.
Der umstrittene Wahlsieg von Asfura
In Honduras konnte die nationale Partei, der Hernández angehört, durch die Begnadigung kurz vor den Präsidentschaftswahlen wichtige Stimmen gewinnen. Zudem sprach sich Trump auf seinem digitalen Netzwerk Truth Social ausdrücklich für den Kandidaten der nationalen Partei, Nasry "Tito" Asfura, aus und drohte mit der Einstellung von Hilfszahlungen, sollte dieser nicht gewählt werden. Asfura wurde schließlich mit weniger als einem Prozent Unterschied am 24. Dezember 2025 zum Gewinner erklärt. Wahlbeamte wie auch die scheidende Regierung unter Xiomara Castro zweifelten die Ergebnisse an (amerika21 berichtete).
Obwohl Asfura während des Wahlkampfes erklärte, er habe keine Verbindung zu Hernández, ermahnt dieser in einer Aufnahme vom 10. März Asfura mit den folgenden Worten: "Ich bin überzeugt, sie werden mich nicht im Stich lassen. Dank mir sitzen Sie auf diesem Stuhl. Präsident werde ich sein. Und ich erwarte Ihre Unterstützung. Denn genau so haben wir das mit Präsident Trump besprochen."
Kahlschlag gegen korruptionskritische Staatsfunktionäre
Um seine Rückkehr zu ermöglichen, weist Hernández in mehreren Nachrichten eine Vertreibungskampagne gegen politische Gegner an. Seit der Machtübernahme von Asfura Ende Januar 2026 wurden mehrere hohe Staatsbedienstete aus ihren Ämtern entfernt. Am 16. April entließ der Kongress mit 88 Ja-Stimmen den Leiter des nationalen Wahlrats, Marlon Ochoa, sowie Mario Morazán, Lourdes Maribel Mejía und Gabriel Gutiérrez aus dem Wahlgericht. Ochoa hatte Unregelmäßigkeiten im Wahlprozess von 2025 angeprangert. Zuvor, am 25. März, hatte die Säuberungswelle bereits Generalstaatsanwalt Johel Zelaya erreicht, und die Präsidentin des Obersten Gerichtshofs, Rebeca Raquel Obando, trat unter Druck zurück.
In einer Sprachnachricht vom 18. März übermittelt Hernández an Tomás Zambrano, den Präsidenten des Kongresses: "In Honduras braucht es Gewalt, es braucht Logistik, es braucht Blut. Wenn du die Menschen kontrollieren willst, musst du sie unterdrücken. Sie ausbeuten. Gewalt mit Gewalt bekämpfen. So lautet die Devise von Präsident Trump."
In einer Aufnahme vom 25. März bittet Hernández den ehemaligen Chef der Streitkräfte Romeo Vásquez Velásquez um eine Liste, um Personen zu lokalisieren. Vásquez, der 2009 den zivil-militärischen Putsch gegen Präsident Manuel Zelaya anführte, antwortet, dass er eine Gruppe in den Streitkräften hat, die bereit ist, eine Jagd zu beginnen.
Mehr Privatstäten, neue Militärbasis und KI-Geschäfte für US-Konzerne
In einer Sprachnachricht vom 10. Februar erklärt Asfura an Hernández: "Wir hatten bereits eine vertrauliche Sitzung mit Investoren, die die Erweiterung des Zede-Projektes in Roatan und in Comayagua sehr positiv sehen. Ein weiteres Projekt wie Palmerola2 werden wir in Roatan vorantreiben, in der Nähe von Prospera, eine Militärbasis, das ist schon vereinbart. Auch den interozeanischen Korridor werden wir an General Electric übergeben."
Die Zedes (Sonderzonen für Beschäftigung und Entwicklung), auch als Modell- oder Privatstädte bekannt, sind spezielle Zonen, die von privaten Unternehmen und Investoren verwaltet werden. Diese übernehmen unter anderem Aufgaben der Verwaltung, Sicherheit und Rechtsprechung. Hernández war einer der politischen Förderer der Zedes. Unter seinem Vorsitz setzte der Kongress 2012 vier Richter des Obersten Gerichtshofes ab, die das Projekt als verfassungswidrig einstuften, und verabschiedete 2013 das Gesetz der Zedes. Unter der Regierung Castros wurde das Projekt erneut als verfassungswidrig eingestuft, da es gegen die Souveränität des Landes verstoße (amerika21 berichtete).
Die am weitesten fortgeschrittene Zede ist Próspera auf der Insel Roatán. Investor ist unter anderem der Multimilliardär Peter Thiel, Begründer von PayPal und Palantir und enger Unterstützer von Donald Trump und des US-Vizepräsidenten J. D. Vance. Palantir hat millionenschwere Verträge mit dem Pentagon, dem US-Heimatschutzministerium und der Einwanderungsbehörde ICE abgeschlossen. Auch der Staat Israel soll Palantir-Software im Gazastreifen nutzen, um Informationen zu sammeln und militärische Ziele zu identifizieren.
Neben der Erweiterung der Zedes und dem Bau einer neuen US-Militärbasis soll laut Diario Red zudem in Honduras ein Gesetz zur Förderung von Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) verabschiedet werden. Aufträge sollen direkt an private US-amerikanische Unternehmen vergeben werden.
Als Gegenleistung für die Unterstützung Trumps soll Honduras in eine strategische Zone für US-amerikanische und israelische Militär-, Logistik- und Wirtschaftsoperationen umgewandelt werden, so Diario Red.
Über Jahrzehnte galt Honduras als wichtiges Operationszentrum der USA in Mittelamerika. Hernández setzte diese Politik, zuerst als Vorsitzender des Kongresses (2010 bis 2013) und später als Präsident (2014 bis 2022), fort, und war ein wichtiger Verbündeter Washingtons und Tel Aviv. 2015 erklärte Hernández: "So lange ich Präsident sein werde, wird Honduras Israel unterstützen." Im Jahr 2019 eröffnete seine Regierung ein Handels- und Diplomatenbüro in Jerusalem, und im Jahr 2021 verlegte die Regierung Hernández die honduranische Botschaft offiziell von Tel Aviv nach Jerusalem. Die Regierung von Xiomara Castro unterbrach diese Politik (amerika21 berichtete), stellte sich dem Einfluss der USA entgegen und kritisierte den durch Israel verübten Völkermord in Palästina.
Mexiko und Kolumbien ins Visier
Internationale Brisanz gewinnen die von Hondurasgate und Diario Red veröffentlichten Informationen, da in ihnen vom Aufbau eines Kommunikationsteams die Rede ist, um die progressiven Regierungen von Mexiko und Kolumbien anzugreifen. Laut aufgezeichneten Nachrichten zwischen Hernández, Asfura und Vizepräsidentin María Antonieta Mejía soll dies mit honduranischen Staatsgeldern und Zuwendungen der argentinischen Regierung von Javier Milei in Höhe von über einer halben Million Dollar finanziert werden. Das Ziel seien Medienkampagnen und die Streuung von Falschinformationen gegen die Ex-Präsidentin Castro, sowie ihren Ehemann, den ehemaligen Ex-Präsidenten Zelaya in Honduras, wie auch gegen die Regierungen von Gustavo Petro in Kolumbien und Claudia Sheinbaum in Mexiko.
Sowohl Sheinbaum als auch Petro haben zu den Veröffentlichungen Stellung bezogen. Sheinbaum machte auf das internationale Netzwerk der Rechten und deren Strategie der gezielten Verbreitung von Falschmeldungen aufmerksam und betonte, dass diese Art von Medienoperationen in Mexiko aufgrund der Volksnähe der Regierung keinen Erfolg haben werde. Der kolumbianische Präsident Gustavo Petro äußerte sich kritisch gegenüber dem israelischen Premierminister. "Welchen Grund hat Herr Netanjahu, den ehemaligen Präsidenten von Honduras, einen bedeutenden Drogenhändler, freizukaufen, nur um die Regierungen Kolumbiens und Mexikos zu zerstören?"
Reaktionen der Presse und in der honduranischen Politik
Während alternative und investigative Medien den Fall weiter untersuchen und verbreiten, behandeln große Medien die Veröffentlichung weiter mit Vorsicht. El País und DW berichteten. Die etablierten US-Medien haben bisher fast vollständig geschwiegen oder nur am Rande berichtet. Auch in Honduras verschweigen die auflagenstärksten und der Oligarchie nahestehenden Medien bisher das Thema oder spielen es herunter.
Die nationale Partei in Honduras wies die Vorwürfe kategorisch zurück und spricht von Fälschungen und einer Desinformationskampagne der internationalen Linken. Der honduranische Kongress ordnete indes eine Untersuchung der Nachrichten durch ein Labor in den USA an, um deren Fälschung zu beweisen.
