Verbrechen in einer Region mit Landkonflikten. UN-Menschenrechtsbüro und lokale Gruppen fordern Aufklärung und Schutz. Regierung kündigt mehr Polizei im Aguán-Tal an.
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Die Ermittlungen zum Massaker in Trujillo haben begonnen. Quelle:Ministerio Público Honduras |
Im Laufe des Vormittags ereignete sich ein weiteres Massaker in der Stadt Omoa in der nördlichen Grenzregion zu Guatemala, bei dem mindestens fünf Polizeikräfte der Spezialeinheit gegen Bandenkriminalität und drei Zivilist:innen erschossen wurden. Laut honduranischen Medien handelte es sich um eine geplante Hausdurchsuchung gegen einen Drogenhändler, bei der die Polizisten jedoch von mehreren Kriminellen überwältigt und verschleppt worden seien. Ihre Leichen wurden in der Nähe von Omoa aufgefunden und wiesen Spuren von enormer Brutalität und Folter auf. Die Täter sind möglicherweise nach Guatemala geflohen.
Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte und nationale Menschenrechtsorganisationen fordern von den Behörden "eine schnelle, umfassende, unabhängige und unparteiische Untersuchung der Vorfälle, die Festnahme und Bestrafung der Verantwortlichen, sowie die Aufdeckung und Zerschlagung der in der Aguán-Region operierenden kriminellen Strukturen und Gewaltnetzwerke". Weiterhin fordern sie wirksame Schutzmaßnahmen für die Überlebenden, die Angehörigen der Opfer, betroffene Gemeinschaften und Menschenrechtsverteidiger:innen der Region.
Präsident Nasry Asfura versprach, dass diese Verbrechen nicht straflos bleiben würden. Gleichzeitig kündigte er an, Polizei und Militärpolizei in das Aguántal zu entsenden und deren Präsenz im Laufe der Ermittlungen noch zu verstärken.
Innenminister Gerson Velásquez sagte in einer Pressekonferenz: "Das Massaker in Colón weist Merkmale einer Hinrichtung auf, die mit kriminellen Strukturen in Verbindung steht und nicht mit einem Agrarkonflikt." Zudem schloss er vorläufig eine Beteiligung staatlicher Akteur:innen aus und erklärte, dass erst die technischen und wissenschaftlichen Ermittlungen den Sachverhalt aufklären und die Verantwortlichen ermitteln würden.
In einer Pressemitteilung der Agrarplattform (Plataforma Agraria), einem Zusammenschluss von bäuerlichen Genossenschaften, wird erklärt, dass seit Mai 2025 eine Welle der Gewalt ausgebrochen sei, die sie den bewaffneten Gruppen zuschreibt: der "Gruppe der Acht" und den "Canechos", zu deren Hauptopfern Bauern:innen aus den Dörfern Panamá und Rigores zählen. "Beide Gruppen haben sich darauf spezialisiert, die Bauerngenossenschaften zu erpressen und zu vertreiben", erklärt die Agrarplattform.
Gegenüber Radio Progreso äußert Jhony Rivas, Sprecher der Agrarplattform, dass die Eskalation der Gewalt im Aguán-Tal mit der Tendenz einhergehe, die Bauern:innen zu kriminalisieren, die ihr legitimes Recht auf Land einfordern. Er fügt hinzu, dass sie die Darstellung beunruhige, die die derzeitigen Behörden im Zusammenhang mit dem Schutz des Landes verbreiten. "Vor drei Tagen verbreiteten Medien die Nachricht, dass Menschen, die auf den Grundstücken der Genossenschaft Paso Aguán leben, ermordet worden seien; wir haben uns vor Ort umgehört, aber nichts weiter erfahren und es kam zu diesem Massaker. Es herrscht eine Atmosphäre großer Angst", sagt Rivas.
Tage vor dem Massaker wurde ebenfalls bekannt, dass die Bauern:innen von Angehörigen der Polizei schikaniert worden seien. Diese hätten auf sie geschossen, ihr Eigentum verbrannt und gestohlen sowie Drogen unter ihre Habseligkeiten gelegt. Laut eines Artikels in Prensa Libre und Informationen in sozialen Netzwerken sollen die Täter des Massakers zum Teil Polizeiuniformen getragen haben.
Auch die Vorsitzende des honduranischen Rates der Privatwirtschaft (Cohep), Anabel Gallardo, zeigte sich wegen der Gewalt und Landbesetzungen besorgt. Ihre Sorge galt allerdings in erster Linie der Beschädigung des Ansehens Honduras' gegenüber der internationalen Gemeinschaft und ausländischen Investoren und richtete ihren Fokus auf die Landbesetzungen. "Grundstücke mit gültigen Dokumenten, die sich in produktiven Zonen befinden, werden von Personen besetzt. Gefordert ist ein Handeln von Staatsanwaltschaft und Polizei, damit das Gesetz mit aller Härte durchgesetzt wird, um diese Grundstücke zu räumen."
Der Jesuitenpater Ismael Moreno sieht in den Verbrechen eine Verbindung zu den Aussagen des ehemaligen Präsidenten Juan Orlando Hernández, die kürzlich durch die Audios veröffentlicht wurden (amerika21 berichtete). "Die Gewalt, die in den Audios angekündigt und entfesselt wurde, ist keineswegs eine Fälschung, sondern eine blutige Spur", schrieb Moreno in seinem X-Account. In den Audios sagt Hernández im März 2026 zum Kongressvorsitzenden Tomás Zambrano: "In Honduras braucht es Gewalt, es braucht Logistik, es braucht Blut. Wenn du die Menschen kontrollieren willst, musst du sie unterdrücken. Sie ausbeuten. Gewalt mit Gewalt bekämpfen."
Der Anwalt und Menschenrechtsverteidiger Victor Fernández erklärt gegenüber amerika21: "Das Verbrechen kann nicht als gewalttätiger Disput zwischen Gruppen abgetan werden, denn der Staat hat eine klare Verantwortung darin. Die unklare Eigentumslage, das Fehlen eines verfassungsrechtlich vorgeschriebenen Landreformprozesses und die Bevorzugung mächtiger Wirtschaftsgruppen sind die strukturellen Ursachen dieses Verbrechens. Seit Beginn dieser Regierung ist ein Diskurs zu beobachten, der das Leben und den Kampf der Bauern:innen verachtet."
Das Aguán-Tal fällt seit Jahrzehnten durch Gewalt gegen Bauern:innen auf. Großgrundbesitzer:innen und agrarindustrielle Unternehmen, befördert durch eine Gesetzesreform im Jahr 1992, haben sich immer mehr Land angeeignet, um Ölpalmplantagen anzulegen, deren Früchte zur Produktion von Agrosprit verwendet werden. Nach dem Militärputsch im Jahr 2009 kam es zu einer massiven Militarisierung der gesamten Region. Immer wieder kam es zu Morden an den Mitgliedern der Bauernkooperativen. Auch der Ausnahmezustand unter der Vorgängerregierung Castro hat nicht zu einer Verbesserung der Gefahrenlage für die Bauern:innen geführt. Dazu kommt, dass in der Region kriminelle Banden agieren, die Drogen schmuggeln.
