Mittwoch, 17. August 2022

Vallecito, 12. und 13. August

Delegationsbericht 4

Nach 13 Stunden Fahrt in klapprigen gelben Bussen und auf einem Pick-up erreichen wir Vallecito, das „gelobte Land“ der Garífuna. Faya heißt es in deren Sprache, ein Wort, das unsere Mitreisenden mit dem Terminus „navegantes“ verbinden, Seefahrer, die von überall her Reisen auf Lagunen und Meer unternehmen. Das passt gut, denn Faya ist eine Gemeinde mit noch wenigen ständigen Bewohner*innen – bisher leben nur 52 Personen das ganze Jahr über hier. Die meisten, die hier temporär mit anpacken, kommen aus verschiedenen Garífuna- und gelegentlich auch Miskito-Gemeinden entlang der honduranischen Atlantikküste. Wir fühlen uns an diesem Spätnachmittag nicht so ganz wie elegant übers Wasser herbeigleitende navegantes, eher wie ordentlich durchgeschüttelte naufragados, Schiffbrüchige, die nach dem Weg durch ein endloses Meer dunkelgrüner Ölpalmen, die Orientierung verloren haben und endlich auf einer lichten Insel landen. Als ein bewaffneter Soldat uns das Eisentor öffnet, tut sich eine andere Welt auf: Eingerahmt von dichtem Mischwald eine riesige freie Fläche, darauf hunderte Kokospalmen in den verschiedensten Größen, schließlich ein Feld mit Yucca-Pflanzen und die ersten Häuser: Gemeinschaftsküche mit Gemüsegarten, Lagerhaus mit Solarpanel auf dem Dach, eine Reihe Latrinen und die pila, das Wasserreservoir mit Schrubbbrettern zum Wäschewaschen. Wer nach Vallecito kommt, erhält alles Nötige von der Gemeinschaft. Es gibt hier keinen Laden, also auch kein Anschreiben von Schulden, keinen Alkoholverkauf, keine Softdrinks und schon gar keine fettigen Snacks in kleinen Plastiktüten, mit denen die Palmöl-Produzenten mächtig Umsatz machen. Solange mensch nicht nach draußen muss, spielt Geld in Faya keine allzu große Rolle. Die meisten, die hier herkommen, arbeiten unentgeltlich mit, Fachpersonal und einige wenige Arbeiter, die zum Beispiel helfen, die Flächen mit den Kokospflanzungen frei zu halten, werden von OFRANEH bezahlt.

 
'Herzlich Willkommen in Faya'


Einen der ganz großen Faya-Enthusiasten lernen wir gleich am nächsten Morgen kennen: Idner Gutierrez, Agraringenieur und Garifuna-Traditionalist aus dem Nachbardorf Punta Piedra zeigt uns die Anzucht von Gemüsepflanzen, die Produktion von biologischen Insektiziden und von Flüssigdünger in großen blauen Plastiktonnen und vor allem sein Spezialgebiet, den Yucca-Anbau. Auf einer großen Expertimentierfläche baut Idner mit Hilfe der Schulkinder, die hier praktischen Unterricht bekommen und von Helfer*innen, die Unmengen Beikräuter zu jäten haben, dreißig Sorten der nahrhaften Wurzeln an. Wir testen zuerst die bittere Variante, die wir wir wegen des hohen Zyanidgehaltes sofort wieder ausspucken. „Keinesfalls runterschlucken!“ warnt uns Idner. Diese Sorte dient ausschließlich der Produktion von Cassaba, einer Art Knäckebrot aus dem Mehl der Yucca-Wurzeln. Cassaba wird sehr aufwendig hergestellt und ist auch im hiesigen Klima mit etwa 32 Gras Celsius und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit lange haltbar. Als nächstes zieht Idner ein großes Knollenbündel der süßen Yucca-Variante aus dem Boden. „Die hier ist noch nicht ganz ausgereift“, sagt er stolz, „aber sie hat schon mehr als die vier Pfund Ertrag, die im Durchschnitt von einer Yucca-Pflanze erwartet werden.“ Im September werden die Knollen von 1.500 Pflanzen für die Cassaba-Herstellung geerntet werden. Idners Ehrgeiz ist, alte Sorten für die nachkommenden Generationen zu erhalten. Vielleicht entstehe durch Kreuzungen auch mal eine neue Sorte, die Yucca Faya. „Das wäre auch ein schönes Projekt für eine Doktorarbeit.“

Idner Gutierrez erklärt die Herstellung
von biologischen Insektiziden


Kunstdünger und Agrargifte sind in Vallecito tabu. Trotzdem beeinflussen sie das Leben auf dieser Insel im Meer von Ölpalmplantagen extrem. Alles Trinkwasser muss außerhalb in den typischen bläulichen 25-Liter-Behältern gekauft und mit dem Pick-Up herangeschafft werden. Die Hoffnung, mit Tonfiltern eigenes Trinkwasser aus den Tiefbrunnen der Gemeinde gewinnen zu können, hat sich nicht erfüllt. Alle sechs Monate werden Wasserproben ins Labor gegeben und zurück kommen für den menschlichen Konsum viel zu hohe Werte an Pestizid-Rückständen und Schwermetallen.

Nach einer mückenreichen Nacht, in der wir zum Sound des Dieselgenerators einschlafen, der von 18 bis 21 Uhr Strom für einen Teil der kleinen Holz- und Zementsteinhäuser produziert, rumpeln wir am zweiten Tag über den „camino real“, den Königsweg, der aus zwei lehmigen Fahrspuren und einer Brücke aus vier schmalen Betonbalken besteht, in den zweiten Teil der Gemeinde. Hier war unter Pinien das ursprüngliche Campamento, wo im August 2012 Hunderte Präsenz zeigten, um den Anspruch der Garífuna auf ihr angestammtes Territorium geltend zu machen. 1.600 Hektar ist es groß, davon werden etwa zehn Prozent bewirtschaftet, der Rest soll Naturreservat bleiben.


In Vallecito wird für den Bedarf der Garifuna-Gemeinden angebaut, nicht um Gewinne zu machen. Das bestätigt uns am nächsten Tag auch Henry Morales, ebenfalls Agraringenieur und der Kokos-Experte der Gemeinde. 2016 hat er mit dem Anbau verschiedener Varietäten von Kokospalmen begonnen. 70.000 Kokosnüsse wurden damals aus verschiedenen Gemeinden nach Vallecito gebracht, alles Sorten, die dem tödlichen Vergilben getrotzt hatten, einer Palmenkrankheit, die über Jahre die Atlantikküste heimsuchte.

Henry Morales könnte den ganzen Tag über
Kokosanbeu referieren

 

Die Palmpflanzungen dienen zwei Zwecken: Der Verteidigung des Territoriums und der Ernährungssicherheit der Garífuna. Den ersten Zweck konnten wir schon bei einem Spaziergang Richtung Lagune und Meer gut beobachten. Zwei Krater sind dort noch zu sehen, die übrig blieben, als die honduranische Armee eine Landepiste für Drogenflugzeuge bombardierte. Früher war hier für die Garífuna kein Durchkommen, heute stehen hunderte kleiner Kokospalmen und ein paar strategisch verteilte Häuser auf dem Gelände. Mindestens so wichtig ist natürlich der Wert von Kokos für die Garifuna-Küche, vor allem für die berühmten Suppen, allen voran Machuca, eine Kokosfischsuppe mit gestampften Kochbananen. Während wir genüsslich je eine Kokosnuss ausschlürfen und auslöffeln, erklärt uns Henry den Nutzen von Kokosprodukten für die Gesundheit: Das Wasser – bis zu anderthalb Liter pro Nuss – hilft den Nieren, das Öl der Haut und der Entspannung.


Im September wird OFRANEH mit der Produktion von Kokosöl beginnen. Die Halle dafür steht schon. Die gemauerten Öfen zum Kochen des Öls sind da, ein Berg Nüsse ebenso, viele leeren Flaschen, gekachelte Arbeitsflächen für die Produktion. Den genauen Termin für das Schälen der Nüsse, das Reiben des Fleisches und das Kochen des Öls ermitteln die Garífuna nach dem Stand des Mondes und der Gezeiten. „Diese Traditionen dürfen wir auf keinen Fall vernachlässigen“, erklärt Henry. Ihm wäre es sehr wichtig, sein reiches Wissen weiterzugeben. Ganz einfach ist das nicht, es kommen zwar hin- und wieder Studierende der Agrarwissenschaften zu Besuch, aber die lernen an ihren Universitäten ganz anderes: Zum Beispiel, das man von Insekten befallene Palmblätter abschneiden soll, eine Maßnahme, die hier strikt abgelehnt wird. Nicht aus Prinzip, sondern auch der praktischen Erfahrung, dass dann die noch gesunden jungen Blätter um so schneller angegriffen werden. Eine eigene Garífuna-Universität in Vallecito zu etablieren ist deshalb eines der großen Ziele von OFRANEH.

In Vallecito wachsen auf großen Flächen Kokospalmen heran


Wir lernen: Eine Kokospalme benötigt mit etwa anderthalb Litern Wasser pro Tag nur ein Drittel dessen, was eine Ölpalme schluckt und sie breitet ihre Wurzeln nicht so stark aus. Während zwischen Zwischen den Palmen können also auch noch Bananenstauden wachsen. Wir sehen Kolibris in den Palmen schwirren und hören eine Vielzahl von Vögeln zwitschern. Drei bis sechs Jahre dauert es bis eine Kokospalme Früchte trägt und sie wird bis zu 100 Jahre alt. „Man muss sie eben gut pflegen und sich kümmern“, sagt Henry. „Ich mache das, weil ich möchte, dass die nächsten Generationen Garífuna weiter hier leben können.“ Faya soll künftig ein Rückzugs- und Lebensort auch für die Garífuna werden, deren Existenz durch die Klimakrise und die dadurch massiv beschleunigte Erosion der Küste Strand und Häuser verlieren.